Das wichtigste als allererstes: Uns geht es gut. Zum Zeitpunkt des Anschlags waren wir gar nicht in Minsk, sondern in Lviv in der Ukraine.
Als wir von der Explosition hörten, saßen wir grade in einer Kneipe in Lviv und konnten es gar nicht glauben. Wer legt denn in Minsk eine Bombe... So wirklich begreifen kann ich es immer noch nicht, obwohl ich seit heute Morgen wieder in Minsk bin und auf dem Heimweg die vielen Blumen vor der Metrostation Kastrishnizkaja gesehen habe. Für mich ist es unvorstellbar wie jemand in Minsk, wo ich mich mittlerweile total zuhause fühle eine Bombe legen kann. Ich fühle mich das erste Mal von so etwas direkt betroffen und obwohl es nur Gedankenspinnerei ist, sind die Gedanken, dass ich fast täglich Metro fahre und wenn ich vielleicht nicht auf dem Seminar in Odessa bzw Lviv gewesen wäre, auch gut in der Metro hätte sitzen können, auch irgendwie da.
Darüber, wer für die Anschläge verantwortlich sein könnte, bin ich sehr gespalten. Ich kann (und will) mir weder vorstellen, dass die Opposition Bombe gelegt haben könnte, noch das Lukaschenko sein eigenes Volk umbringen würde. Allerdings denke ich, dass er die Anschläge jetzt zu seinem Vorteil nutzen wird. Er kann sich wieder als Retter aufspielen, der das ganze schon nach zwei Tagen aufgeklärt hat (ich bezweifle, dass die Geständnisse freiwillig und ohne Zwang abgegeben wurden) und er kann weitere Einschränkungen und Verfolgungen der Opposition mit der nationalen Sicherheit begründen. Außerdem tut sich das Bild wie er mit seinem kleinen Sohn Blumen in der Metro niederlegt für die Opfer auch richtig gut bei den Anhängern...
Geärgert habe ich mich mal wieder über die Berichterstattung in den deutschen Medien, der erste Bericht, den ich gesehen habe, war mehr eine Aneinanderreihung sämtlicher Klischees als wirkliche Berichterstattung darüber, was passiert ist. Bestes Beispiel dafür war, dass mehrmals darauf hingewiesen wurde, dass die Metrostation neben Lukaschenkos Präsidentenpalast liegt und auch am Oktoberplatz, wo es 2006 nach den Wahlen Demos gab. Dass Kastrichnizkaja einfach die Umsteigemetrostation ist, wo man von der einen auf die andere Linie kommt und dort immer am meisten los ist, wurde nicht erwähnt.
Mehr Zeit auch über das Seminar und die Zeit in der Ukraine und sogar noch über die Dinge davor zu erzähen, habe ich gerade nicht, aber ich hoffe darauf, am Wochenende mal wieder Zeit zu haben, dann wird das nachgeliefert!
Пока, Йоханна
Willkommen auf meinem Blog über mein Freiwilligenjahr in Minsk, Belarus!
Donnerstag, 14. April 2011
Samstag, 19. März 2011
Kiew
Bevor ich von meinem Kurztrip nach Kiew erzähle, erst einmal ein kleines Rätsel:
Jetzt aber doch zu Kiew, wie schon im letzten Post erwähnt, bin ich letzten Donnerstag nach Kiew gefahren. Die Entscheidung war ziemlich kurzfristig, Auslöser war ein Plakat für ein Slayer Konzert in Kiew. In Timm habe ich dann einen begeisterten Mitfahrer gefunden und so ging es Donnerstagabend mit dem Zug los. Nach einer eher kurzen Nacht (warum ist man auch immer genau dann an der Grenze, wenn man sich gerade entschieden hat, jetzt doch mal zu schlafen?) und 12 Stunden Zugfahrt kamen wir in Kiew an und waren erstmal total erschlagen: Erst im Kontrast mit Kiew ist mir aufgefallen, wie "organisiert" Minsk doch ist. Minsk kann das Aussehen der geplanten Stadt eben nicht ablegen, Kiew aber ist eine natürliche Stadt und sieht dadurch eben nicht aus wie eine Modellstadt.
Außerdem "erschlugen" uns die vielen Menschen auf dem Bahnhofsvorplatz und die vielen Leute, die uns wahlweise eine Wohnung ("квартира, квартира, квартира, квартира..."), Handykarten, ein Taxi oder einen Ausflug zu jeder erdenklichen ukrainischen Stadt andrehen wollten. Um mal einen Eindruck von Kiew zu bekommen, sind wir dann erstmal ein paar Stunden ziemlich planlos durch Kiew gelaufen um dann mal im botanischen Garten und dann auf dem Siegesplatz zu landen.
Abends haben wir uns dann die zentrale Einkaufsstraße in Kiew (den Kreschatik) und den Maidan angesehn:
Danach haben wir dann auch die Slayer Tickets gekauft, schließlich war das ja der eigentliche Grund für die Fahrt nach Kiew.
Samstags haben wir dann viel Zeit damit verbracht, den Busbahnhof zu suchen und uns dann im Endeffekt wieder umzuentscheiden, dass wir doch Zug fahren wollen, abends waren wir aber dann noch die Touriattraktion in Kiew gucken: die Mutter - Heimat Statue, die sogar 16m höher ist, als die Freiheitsstatue in New York.
Nachrichten aus der arabischen Welt unterscheiden sich im staatlichen Fernsehn von denen, die auf Sendern wie Euronews gezeigt werden, Belarus hat gute Beziehungen zu Gaddafi, das Land liefert ihm im Moment auch noch Waffen und in deutschen Medien gab es zwischendurch ja auch mal die Meldung Gaddafi würde planen, sich nach Belarus abzusetzen.
Heute ist der 19. März, was ist also falsch dran?
Jetzt aber doch zu Kiew, wie schon im letzten Post erwähnt, bin ich letzten Donnerstag nach Kiew gefahren. Die Entscheidung war ziemlich kurzfristig, Auslöser war ein Plakat für ein Slayer Konzert in Kiew. In Timm habe ich dann einen begeisterten Mitfahrer gefunden und so ging es Donnerstagabend mit dem Zug los. Nach einer eher kurzen Nacht (warum ist man auch immer genau dann an der Grenze, wenn man sich gerade entschieden hat, jetzt doch mal zu schlafen?) und 12 Stunden Zugfahrt kamen wir in Kiew an und waren erstmal total erschlagen: Erst im Kontrast mit Kiew ist mir aufgefallen, wie "organisiert" Minsk doch ist. Minsk kann das Aussehen der geplanten Stadt eben nicht ablegen, Kiew aber ist eine natürliche Stadt und sieht dadurch eben nicht aus wie eine Modellstadt.
Außerdem "erschlugen" uns die vielen Menschen auf dem Bahnhofsvorplatz und die vielen Leute, die uns wahlweise eine Wohnung ("квартира, квартира, квартира, квартира..."), Handykarten, ein Taxi oder einen Ausflug zu jeder erdenklichen ukrainischen Stadt andrehen wollten. Um mal einen Eindruck von Kiew zu bekommen, sind wir dann erstmal ein paar Stunden ziemlich planlos durch Kiew gelaufen um dann mal im botanischen Garten und dann auf dem Siegesplatz zu landen.
Abends haben wir uns dann die zentrale Einkaufsstraße in Kiew (den Kreschatik) und den Maidan angesehn:
Danach haben wir dann auch die Slayer Tickets gekauft, schließlich war das ja der eigentliche Grund für die Fahrt nach Kiew.
Samstags haben wir dann viel Zeit damit verbracht, den Busbahnhof zu suchen und uns dann im Endeffekt wieder umzuentscheiden, dass wir doch Zug fahren wollen, abends waren wir aber dann noch die Touriattraktion in Kiew gucken: die Mutter - Heimat Statue, die sogar 16m höher ist, als die Freiheitsstatue in New York.
Von dort aus hat man einen tollen Blick über den Dnepr und die "falsche Seite von Kiew".
Und natürlich wollten wir das ultimative Tourifoto von uns vor der Statue haben, wir waren dadrin allerdings nicht so erfolgreich:
Unter der Mutter Heimat Statue befindet sich ein Museum über den zweiten Weltkrieg mit Gedenktafeln für alle Heldenstädte:
Sonntagabend war dann auch endlich das Slayer Konzert:
Die Halle war riesig groß und damit war das Konzert auch mein bis jetzt größtes Konzert (abgesehen von Festivals). Ansonsten fand ich Megadeth leider ein wenig enttäuschend, Slayer dafür aber umso besser. Schade nur, dass es hier nicht üblich ist, dass die Fans auf Konzerten nach dem Konzert noch Zugaben verlangen und somit mein Lieblingslied nicht gespielt wurde. Nach dem Konzert ging es dann direkt zum Bahnhof und wieder Richtung Minsk.
Als direktes Nachbarland zu Belarus habe ich ja in den letzten Monaten schon viel über die Ukraine gehört und war dann ja doch sehr gespannt wie die Ukraine denn wirklich sein wird. Das Haupturteil was man hier immer über die Ukraine hört ist, dass dort alles sehr schmutzig ist, das hat sich dann in Kiew auch bewahrheitet, in vielen Ecken liegt Müll und es gibt keine Säuberungskolonnen wie hier. Zweites Vorurteil über die Ukraine, dass man hier immer hört, ist dass es dort keine Führung gibt, wie hier den Präsidenten. Das hört man, oft im Positiven, wie im Negativen. Im Positiven eben, dass es dort freie Zeitungen, Fernsehsender, ein Recht auf Demonstrationen und so etwas gibt, im Negativen aber eben auch, weil es kein Sozialsystem gibt und keinen Staat der alles regelt... Fakt ist, dass ich in Kiew sehr viele Menschen gesehn habe, die betteln und abends auf der Straße schlafen. Allerdings ist es nicht so, dass es in Belarus keine armen Menschen gibt, es ist nur einfach verboten zu betteln und Menschen, die im Müll nach Essen suchen sieht man hier genauso, nur nicht in der Häufigkeit wie in Kiew. Judith, eine ASF Freiwillige in der Ukraine hat mir erzählt, dass viele Menschen in der Ukraine sich eine starke Führung wie in Belarus wünschen, weil sie Belarus als reicheres und weiter entwickeltes Land ansehen. Was den Zustand von Straßen, Straßenbahnen, Metro, Bussen und ähnlichem angeht, trifft das auf Belarus auch definitiv zu.
Kiew hat mir gut gefallen, auch weil es eben sehr anders als Minsk ist, trotzdem war das Gefühl wieder in Minsk wirklich nach Hause zu kommen. Es weckte auch Erinnerungen an unsere erste Ankunft in Minsk, die Montag ja dann auch genau ein halbes Jahr zurück lag.
Zuhause erwartete mich dann auch gleich eine gute Nachricht: Die Quarantäne ist endlich beendet. Mittwoch konnte ich wieder nach Novinki zu "meinen" Kindern. Meine Angst, sie hätten mich in den zwei Monaten vergessen, war zum Glück gleich wieder verflogen, nachdem mich Jascha gleich beim zweiten Anlauf (der zweite Anlauf ist richtig gut, da er schlecht sieht und auch immer erstmal alle Namen die er kennt, durchprobiert xD) mit dem richtigen Namen begrüßt hat. Nach einem Tag war ich schon wieder voll drin und jetzt nach drei Tagen fühlt es sich so an, als wäre ich nicht so lange nicht da gewesen. Ich bin richtig motiviert und freue mich schon auf die nächste Woche. Hier dann auch mal ein paar Fotos:
Mit Lena war ich Donnerstag wieder in der Keramikwerkstatt auf der Mädchenstation, es macht ihr immer so viel Spaß dort zu basteln:
Pascha:
Und Freitag war es richtig schönes Wetter, sodass Sveta, Irina, sieben Kinder und ich draußen spazieren waren, was die Kinder nach der Zeit im Winter, die sie ja gar nicht draußen waren, richtig genießen.
Artjom, Arthur und Aljoscha auf der Schaukel:
Alles in allem also eine echt gute Woche, wären da nicht immer die schlimmen Nachrichten aus Japan und Lybien, Bahrain etc... Hier ist die Anteilnahme mit Japan sehr groß, weil für die Menschen Tschernobyl und die Folgen ja immer noch alltäglich ist.
Nachrichten aus der arabischen Welt unterscheiden sich im staatlichen Fernsehn von denen, die auf Sendern wie Euronews gezeigt werden, Belarus hat gute Beziehungen zu Gaddafi, das Land liefert ihm im Moment auch noch Waffen und in deutschen Medien gab es zwischendurch ja auch mal die Meldung Gaddafi würde planen, sich nach Belarus abzusetzen.
Hier beginnen jetzt im Moment gerade die größeren Prozesse gegen die Organisatoren und Teilnehmer der Demonstration nach den Wahlen. Leider dringt davon scheinbar nicht sehr viel nach Europa durch. Präsidentschaftskandidat Ales Michalewitsch über die Haft.
Soviel für heute von mir, ich werde aufgrund des ekligen Wetters und der Tatsache, dass ich mich irgendwie gerade ziemlich müde fühle den Abend heute mit Filmen zuhause verbringen und darauf hoffen, dass der Schnee morgen wieder weg ist.
Johanna
Donnerstag, 10. März 2011
Masleniza
Масленица (Masleniza, dt. "Butterwoche") ist ein traditionelles Fest, das gefeiert wird, bevor die Fastenzeit beginnt. Während Masleniza ist es Brauch viele Blini (Pfannkuchen) zu essen, da die runden Blini die Sonne verkörpern, außerdem wird am Ende der Masleniza der Winter, meist in Gestalt einer Frau, verbrannt und somit ausgetrieben. Wir haben Masleniza letzten Sonntag in einem Dörfchen ein wenig außerhalb von Minsk gefeiert, in diesem Dorf gibt es ein Museum zur belarussischen Lebensweise, in dem viele gut erhaltene alte Holzhäuser und Holzkirchen stehen. Kaum angekommen gab es für uns erstmal Blini, denn der Brauch besagt, je mehr Blini man an Masleniza isst, desto glücklicher wird das Jahr:
Soviel also mit den Eindrücken zu Masleniza, allerdings war das Winter austreiben bisher nicht so erfolgreich. Heute ist es wieder richtig kalt und gerade schneit es sogar ein bisschen. Die letzten Tage hat es tagsüber getaut und ist nachts dann wieder gefroren. Daher ist im Moment überall der Schnee gefroren und auf den Bürgersteigen teilweise pures Eis, was natürlich zu vielen Unfällen führt. Heute habe ich einer Oma geholfen, die richtig böse gefallen ist und mich mal wieder über die Leute hier geärgert, die einfach weiter gegangen sind, eine Frau sogar mit dem Kommentar "Jaja, gestern bin ich auch hingefallen." Zum Glück kam da auch noch ein Mann, der die Oma dann kurzerhand auf den Arm genommen hat (alleine Laufen konnte sie vor Schmerzen nicht mehr) und ins nächste Krankenhaus gefahren hat. Jetzt hoffe ich, dass sie sich nichts gebrochen hat...
Ansonsten gehts in vier Stunden gleich los nach Kiew. Davon dann nächste Woche mehr! Пока!
| Winter, jetzt gehts dir an den Kragen ;) |
Soviel also mit den Eindrücken zu Masleniza, allerdings war das Winter austreiben bisher nicht so erfolgreich. Heute ist es wieder richtig kalt und gerade schneit es sogar ein bisschen. Die letzten Tage hat es tagsüber getaut und ist nachts dann wieder gefroren. Daher ist im Moment überall der Schnee gefroren und auf den Bürgersteigen teilweise pures Eis, was natürlich zu vielen Unfällen führt. Heute habe ich einer Oma geholfen, die richtig böse gefallen ist und mich mal wieder über die Leute hier geärgert, die einfach weiter gegangen sind, eine Frau sogar mit dem Kommentar "Jaja, gestern bin ich auch hingefallen." Zum Glück kam da auch noch ein Mann, der die Oma dann kurzerhand auf den Arm genommen hat (alleine Laufen konnte sie vor Schmerzen nicht mehr) und ins nächste Krankenhaus gefahren hat. Jetzt hoffe ich, dass sie sich nichts gebrochen hat...
Ansonsten gehts in vier Stunden gleich los nach Kiew. Davon dann nächste Woche mehr! Пока!
Sonntag, 27. Februar 2011
Exkursion mit dem Hesed
Das nächste Highlight diese Woche folgte dann am Donnerstag, ich wurde vom Hesed eingeladen an einer Exkursion in und um Minsk teilzunehmen unter dem Motto, wir wohnen zwar in Minsk, aber kennen wir unsere Stadt wirklich? Da die Teilnehmer der Exkursion größtenteils doch schon etwas älter waren, fuhren wir zuerst drei Stunden mit dem Bus durch Minsk und unsere Stadtführerin erzählte ganz viel über Minsk. Am Platz der Freiheit in Nemiga sind wir dann doch auch ausgestiegen, weil sie uns dort in den wenigen übrig gebliebenen Gässchen gerne zeigen wollte, wie Minsk vor dem Krieg aussah. Das war für mich auch ein ganz neuer Eindruck, da ich Minsk ja vor allem als im typisch sowjetischen Stil kenne. Bei vielen der Omis und Opis weckte das vor allem Erinnerungen an das Minsk ihrer Jugend und eine Frau, die vor dem Krieg genau dort gewohnt hatte, wo wir vorbeiliefen beschrieb mir dann ganz genau, wie alles früher aussah.
Der Rest der Stadtführung fand dann wieder vom Bus aus statt und als Abschluss fuhren wir dann noch in eine Stadt ein wenig außerhalb von Minsk. Dort in Ratamka werden die Pferde der belarussischen Reiternationalmannschaft trainiert und wir durften in der Reithalle bei einem Turnier zuschauen.
Allein der Geruch nach Pferden, Stall und Reithalle hat mich sehr an die letzten Jahre erinnert (Hilfe, klingt das melancholisch xD).
Außerdem jetzt mal noch was anderes, was an Deutschland scheinbar komplett vorbeigegangen zu sein scheint: http://www.queer.de/detail.php?article_id=13739. Ich finde, dazu gibt es nicht viel zu sagen, außer dass es mal wieder beweist wie armselig der Präsident doch ist...
Всего хорошего, Йоханна
Der Rest der Stadtführung fand dann wieder vom Bus aus statt und als Abschluss fuhren wir dann noch in eine Stadt ein wenig außerhalb von Minsk. Dort in Ratamka werden die Pferde der belarussischen Reiternationalmannschaft trainiert und wir durften in der Reithalle bei einem Turnier zuschauen.
Allein der Geruch nach Pferden, Stall und Reithalle hat mich sehr an die letzten Jahre erinnert (Hilfe, klingt das melancholisch xD).
Als dann eine der Trainerinnen uns noch etwas über die Anlage in Ratamka und die Pferde erzählte, lauschten alle ganz gespannt:
Freitag war ich auch noch, da ja in Novinki immernoch Quarantäne ist, mit Marina, die ich in der Geschichtswerkstatt kennen gelernt habe, in der staatlichen Psychiatrie. Sie arbeitet dort, weil sie ihre zwei Pflichtjahre nach dem Studium ableisten muss und macht dort Kunsttherapie, Musiktherapie und sowas. Außerdem koordiniert sie dort Freiwillige. Ich war mit ihr dann auf einer Station für Demenzkranke, wo wir zuerst musiziert haben und später dann noch mit zwei älteren Männern geredet haben, während wir geknetet haben. Der eine erzählte uns dann er habe früher mal Harmonium (schon wieder ein Harmonium, damit hab ichs die Woche irgendwie...) gespielt und als wir ihn fragten, was denn sein Lieblingslied gewesen sei, fing er an mit einer ganz dünnen Stimme Katjuscha zu singen. Das war ein sehr bewegender Moment. Ansonsten ist mein Eindruck von der Psychiatrie vor allem bedrückend. An Trostlosigkeit kann sie es, vor allem auf den Stationen, sehr gut mit dem Kinderheim und dem Erwachsenenheim in Novinki aufnehmen und der merkwürdigste Eindruck für mich war die Wand in dem sogenannten Diskozimmer, wo an der Wand ganz viele mit dem Computer geschrieben Zettel hingen, alle in der gleichen Schrift und Schriftgröße und auch alle exakt nebeneinander angeordnet, auf denen solche Dinge, wie Wut, Trauer, Schmerz, aber auch Freude, Glück und Zufriedenheit standen, zu denen Marina mir dann erklärte, dass die Patienten diese "selbst" gemacht haben. Trotzdem habe ich auch gesehn, dass die Werkstätten und auch vieles was Marina mir zeigte, was sie dort gebastelt haben, wirklich liebevoll gemacht war und auch schön, was den äußeren negativen Eindruck doch wieder relativiert hat.
Das war jetzt erstmal wieder genug von mir, während in Deutschland nächste Woche Fasching sein wird (worüber ich jetzt gleich noch für den Deutschclub einen Text schreiben muss), wird hier Masleniza gefeiert, dadrüber gibt es dann nächstes Mal bestimmt auch noch etwas zu erzählen.Außerdem jetzt mal noch was anderes, was an Deutschland scheinbar komplett vorbeigegangen zu sein scheint: http://www.queer.de/detail.php?article_id=13739. Ich finde, dazu gibt es nicht viel zu sagen, außer dass es mal wieder beweist wie armselig der Präsident doch ist...
Всего хорошего, Йоханна
Der Tag der Roten Armee
Am 23. Februar war der Tag der Roten Armee, der hier mittlerweile eher als Männertag gefeiert wird, da ja auch eigentlich alle Männer in ihrem Leben zumindest einen Wehrdienst geleistet haben. In Belarus ist der Tag nicht frei, so wie in Russland.
Im Vorfeld habe ich mich schon an den Glückwunschkarten erfreut, auf denen neben Blumen auch gerne noch ein Panzer abgebildet ist.
Am 23. Februar selbst gab es in den Räumen der Geschichtswerkstatt eine Feier mit Tee, Wein, Butterbroten, Keksen und vielem anderem von den Omis selbstgemachtem.
Wie man sieht, ist der Männeranteil doch eher gering, das machten die Frauen aber dadurch wett, dass sie viel erzählten, etwa darüber, wie sie ihre Männer kennen gelernt haben, damit wir jungen uns das anhören und uns dann auch ja nur gute Männer suchen. Zwischendurch wurde auch immer wieder gesungen, begleitet von Ewgenij auf dem Harmonium und danach wieder erzählt. Ein sehr bewegender Moment, indem mir ganz stark bewusst wurde, dass der Tag nicht nur ein Feiertag, sondern auch sehr mit Erinnerungen verbunden ist, war, als ein Mann von seiner Zeit im Konzentrationslager erzählte.
Nach dem Essen wurde dann wieder gesungen und auch getanzt:
Mit der Zeit lehrte sich die Runde dann immer mehr und mit zwei Stunden Verspätung traf dann noch Stepan Petrowich ein, den ich aus dem Deutschclub ja mittlerweile schon ganz gut kenne, er hatte zur Feier des Tages extra seine Uniform angezogen und hatte auch schon mit "Pionieren" gefeiert, wodurch seine Laune schon gut war und er dann erstmal allen nochmal Irina und mich vorgestellt hat (nicht das sie uns nicht schon vorher kannten ;)) und nochmal ausdrücklich betonen musste, wie toll das Deutschlernen bei uns doch wäre und das die andren ja gar nicht wüssten, was sie verpassten.
Für mich war der Tag eine tolle Erfahrung, da ich aus Deutschland Feiertage für die Armee oder generell Feiertage für Männer (obwohl Stepan Petrowich, als wir auf die Männer anstoßen wollten, betonte, die eigentlichen Helden seien eh nicht die Männer, sondern die Frauen) ja nicht kenne. Außerdem finde ich es schön mit dem Omis und Opis zu feiern und merke mittlerweile wie gut ich mich schon einbringen kann, weil ich sie ja immer mehr verstehe.
Im Vorfeld habe ich mich schon an den Glückwunschkarten erfreut, auf denen neben Blumen auch gerne noch ein Panzer abgebildet ist.
Am 23. Februar selbst gab es in den Räumen der Geschichtswerkstatt eine Feier mit Tee, Wein, Butterbroten, Keksen und vielem anderem von den Omis selbstgemachtem.
Wie man sieht, ist der Männeranteil doch eher gering, das machten die Frauen aber dadurch wett, dass sie viel erzählten, etwa darüber, wie sie ihre Männer kennen gelernt haben, damit wir jungen uns das anhören und uns dann auch ja nur gute Männer suchen. Zwischendurch wurde auch immer wieder gesungen, begleitet von Ewgenij auf dem Harmonium und danach wieder erzählt. Ein sehr bewegender Moment, indem mir ganz stark bewusst wurde, dass der Tag nicht nur ein Feiertag, sondern auch sehr mit Erinnerungen verbunden ist, war, als ein Mann von seiner Zeit im Konzentrationslager erzählte.
Nach dem Essen wurde dann wieder gesungen und auch getanzt:
Mit der Zeit lehrte sich die Runde dann immer mehr und mit zwei Stunden Verspätung traf dann noch Stepan Petrowich ein, den ich aus dem Deutschclub ja mittlerweile schon ganz gut kenne, er hatte zur Feier des Tages extra seine Uniform angezogen und hatte auch schon mit "Pionieren" gefeiert, wodurch seine Laune schon gut war und er dann erstmal allen nochmal Irina und mich vorgestellt hat (nicht das sie uns nicht schon vorher kannten ;)) und nochmal ausdrücklich betonen musste, wie toll das Deutschlernen bei uns doch wäre und das die andren ja gar nicht wüssten, was sie verpassten.
Für mich war der Tag eine tolle Erfahrung, da ich aus Deutschland Feiertage für die Armee oder generell Feiertage für Männer (obwohl Stepan Petrowich, als wir auf die Männer anstoßen wollten, betonte, die eigentlichen Helden seien eh nicht die Männer, sondern die Frauen) ja nicht kenne. Außerdem finde ich es schön mit dem Omis und Opis zu feiern und merke mittlerweile wie gut ich mich schon einbringen kann, weil ich sie ja immer mehr verstehe.
Заславль
Vor gut einem Monat lud Daniel, ein ehemaliger Minsk Freiwilliger, der gerade auf Besuch in Minsk war uns zu einem Konzert seines Freundes Aleksej ein. Auf diesem Konzert lernten wir dann nicht nur Aleksej kennen, sondern auch Lena, die hier in der Kulturszene sehr engagiert ist und auch mit Aleksej auf jedes Konzert fährt. Lena und Aleksej luden uns dann am letzten Wochenende auf ein Konzert der Band Реха (dt. Recha) ein, auf dem auch Aleksej singen sollte. Samstagmorgen fuhren dann also Mareike, Kata und ich zusammen mit Aleksej, Lena und einigen anderen Richtung Saslaw, genauergesagt fuhren wir nach Belarus ;), denn die Station an der wir aus der Elektritschka ausstiegen hieß Belarus, weil dort nach dem ersten Weltkrieg einmal die Grenze zwischen Polen und der Sowjetunion verlief und diese Station die erste in Belarus war. Nach deutschem Ermessen ist Saslaw wohl eher ein Dörfchen, in der belarussischen Geschichte hatte die Stadt dadurch einen wichtigen Platz bekommen, weil ein gewalttätiger Herrscher seine Frau und seinen Sohn aus Polotsk dorthin verbannt hatte und ihr dort eine Burg mit Kirche hat bauen lassen. Nach diesen Sohn (Isaslaw) hat die Stadt auch ihren Namen.
| Die Kirche, der einzige Überrest der Festung |
Heute gibt es dort noch ein Museum zur belarussichen Kultur, in dem auch das Konzert und eine Ausstellung mit Bildern des Sängers von Recha stattfand. Leider war das Konzert in einem sehr kleinen Raum mit viel zu vielen Menschen, sodass unsere Eindrücke vom Konzert sich hauptsächlich auf das Hören (das aber sehr positiv) und das Sehen von vielen Rücken beschränken.
Ansonsten war es auch mal wieder schön, mal wieder außerhalb der Stadt zu sein und alleine die Fahrt mit der vollgestopften Elektritschka war schon ein Erlebnis: Mit einem Harmoniumspieler,einem anderen Mann DVDs über Ikonen der orthodoxen Kirche verkauft hat und wir als Deutsche schon gleich wieder auf Verwandte die in Deutschland leben angesprochen wurden (was von Aleksej nur ganz trocken mit "Jeder in Belarus hat irgendwelche Verwandte in Deutschland" kommentiert wurde).
Gut gefiel mir auch folgendes:
| "Die besten Leute der Stadt" |
Diese Tafel stand vor dem Rathaus und was man jetzt auf dem Foto leider nicht sieht, ist dass direkt daneben noch eine Leninstatue steht.
Heute habe ich endlich mal wieder die Zeit und auch die Muße mal wieder zu schreiben. In der letzten Woche gab es gleich mehrere Highlights, daher werde ich jetzt mehrer Posts mit Fotos veröffentlichen. Zur Allgemeinen Situation nur soviel, die Quarantäne ist noch bis zum 1.März verlängert worden und ich hoffe darauf, dass es dann endlich gut sein wird und ich wieder nach Novinki kann...
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